{"id":22260,"date":"2022-08-31T12:41:18","date_gmt":"2022-08-31T10:41:18","guid":{"rendered":"https:\/\/wfg-kreis-viersen.de\/?p=22260"},"modified":"2022-10-10T15:48:22","modified_gmt":"2022-10-10T13:48:22","slug":"sexy-durch-die-fachkraeftekatastrophe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/wfg-kreis-viersen.de\/nl\/sexy-durch-die-fachkraeftekatastrophe\/","title":{"rendered":"Sexy durch die Fachkr\u00e4ftekatastrophe"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Fachkr\u00e4ftemangel war gestern \u2013 inzwischen haben wir eine Fachkr\u00e4ftekatastrophe. Das sagen Dr. Thomas Jablonski, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Wirtschaftsf\u00f6rderungsgesellschaft f\u00fcr den Kreis Viersen (WFG), und Marc Peters, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Kreishandwerkerschaft Niederrhein, im Interview mit Roland Busch und Georg Maria Balsen. Was ist zu tun?<\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Das vorherrschende Thema in vielen Handwerksbetrieben ist der Personalmangel. Wie stellt sich die Situation aus Sicht der Kreishandwerkerschaft derzeit dar?<\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><b>Peters:<\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial, serif;\"> Bisher sprechen wir immer vom Fachkr\u00e4ftemangel. Manche Fachleute sagen: Wir haben bereits eine Fachkr\u00e4ftekatastrophe. Ich glaube, das trifft es besser, zumal die Tendenz weiter steigend ist. Fehlten im Jahr 2020 bundesweit etwa 65.000 Handwerkerinnen und Handwerker, so waren es ein Jahr sp\u00e4ter schon mehr als 87.000, wie das Institut der deutschen Wirtschaft ermittelt hat. Das zeigt, wohin die Reise derzeit leider geht. Und noch eine Zahl: 2021 gab es gut 201.000 offene Stellen im Handwerk, aber nur knapp 140.000 Handwerkerinnen und Handwerker, die auf der Suche waren. Es fehlten rund 75.000 Gesellinnen und Gesellen, 7.200 Meisterinnen und Meister und fast 5.000 Absolventen von Fortbildung. Das sind dramatische Zahlen!<\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Welche Gewerke sind besonders betroffen?<\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><b>Peters:<\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial, serif;\"> Wir k\u00f6nnen kaum mehr sagen, dass die Situation nur in einzelnen Gewerken so ist. Klar, die Nahrungsmittelhandwerke, also B\u00e4cker, Fleischer, auch Konditoren, haben ein gro\u00dfes Problem, Nachwuchs zu finden. Aber inzwischen trifft es auch viele andere Gewerke: Bau, Ausbau, SHK. Wenn Deutschland die Klimawende vollziehen will, muss es auch Menschen geben, die sie umsetzen. Nur mit politischen Appellen kommt keine Photovoltaikanlage aufs Dach und wird keine W\u00e4rmepumpe installiert.<\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Wie sieht die WFG das Thema?<\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><b>Jablonski:<\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial, serif;\"> Inzwischen gibt es keine Branche mehr, die das Problem nicht hat. Leider k\u00f6nnen wir die Demografie nicht mehr \u00e4ndern. Umso wichtiger ist es, dass die Betriebe vor Ort sich anders darstellen und sichtbarer werden. Handwerk ist ja heute angewandter High-Tech-Bereich. Mein Lieblingsbeispiel ist die Glaserei. Da sprechen wir nicht mehr \u00fcber simple Fensterscheiben, sondern \u00fcber Energiesysteme. Die Frage ist, wie wird mein Betrieb wahrnehmbarer in der \u00d6ffentlichkeit, wie werden wir sexy und interessant f\u00fcr den heutigen Nachwuchs? Leider hat das Handwerk hier ein Imageproblem, nach dem Motto: \u201eDa bekommt man dreckige H\u00e4nde und verdient weniger.\u201c <\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Dabei kann man im Handwerk sehr schnell Verantwortung \u00fcbernehmen und sich verwirklichen \u2013 bis hin zur Unternehmensnachfolge.<\/span><\/span> <span style=\"font-family: Arial, serif;\">Das ist in jeder anderen Branche schwierig bis unm\u00f6glich.<\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Was kann die WFG tun, um die Betriebe zu unterst\u00fctzen?<\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><b>Jablonski:<\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial, serif;\"> Betonen m\u00f6chte ich zun\u00e4chst, dass der Kontakt zwischen der Kreishandwerkerschaft und der WFG gut ist. Die Kreishandwerkerschaft ist \u00fcber alles informiert, was die Wirtschaftsf\u00f6rderung anbietet, umgekehrt wei\u00df man bei uns, wer und was die Kreishandwerkerschaft ist. Wir machen als WFG keinen Unterschied zwischen Technologieunternehmen, Dienstleistern und Handwerkern. F\u00fcr uns sind es alles Unternehmen. Und wir haben verschiedene Instrumente entwickelt, mit deren Hilfe Betriebe wahrnehmbarer werden k\u00f6nnen. Wie komme ich in die sozialen Medien, wie sieht meine Internetseite aus, habe ich eine Karriere-Seite, wie kann ich angesprochen werden von jungen Leuten, wie finden die mich \u00fcberhaupt? Zu diesen Fragen haben wir ein Beratungstool, und am Ende stehen konkrete Tipps, was man tun kann, wenn man ein wenig Geld in die Hand nimmt. Ich glaube, das Handwerk hat jede Menge Vorteile \u2013 auf Neudeutsch: Benefits \u2013 zu bieten, die wir oft gar nicht sehen, vom freien Parkplatz vor der Haust\u00fcr \u00fcber freie Getr\u00e4nke bis zum Engagement im sozialen Bereich. Eine weitere M\u00f6glichkeit ist Dienstfahrradleasing, und ganz wichtig ist betriebliches Gesundheitsmanagement im Handwerk. Das muss dann aber auch kommuniziert werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><b>Peters: <\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Handwerk ist immer Tradition und Innovation. Wenn es darum geht, das eigene Unternehmen sichtbar zu machen, sind viele Betriebe noch eher traditionell unterwegs. Das ist kein Vorwurf, es hat ja auch lange gut funktioniert. Allerdings: Seit die OECD gesagt hat, Deutschland habe zu wenige Akademiker, liegt der Schwerpunkt darauf, dass nun alle studieren m\u00fcssten. Wenn aber 60 Prozent eines Jahrgangs Abitur machen mit dem Ziel zu studieren, dann bleibt nicht mehr so viel \u00fcbrig f\u00fcr eine duale Ausbildung. Zieht man die ab, die nicht ausbildungswillig oder -f\u00e4hig sind, dann sind es vielleicht noch 30 Prozent \u2013 und um diese jungen Leute buhlen 300 IHK-Ausbildungsberufe und 130 Handwerksberufe. Und auch das ist wahr: Die Zahl, die den 30 Prozent entspricht, ist heute viel kleiner als noch vor 20 oder 25 Jahren. Hinzu kommt: Die Hauptschule, fr\u00fcher ein klassisches Reservoir f\u00fcr Handwerksberufe, existiert praktisch nicht mehr, und auch in der Gesamtschule liegt der Fokus sehr auf dem Abitur. All das macht es f\u00fcr den einzelnen Handwerksbetrieb, sagen wir den Dachdecker in Niederkr\u00fcchten, recht schwierig, Mitarbeitende zu finden, die zu ihm kommen wollen.<\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Was muss sich \u00e4ndern?<\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><b>Peters:<\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial, serif;\"> Das Handwerk muss umdenken \u2013 beispielsweise mit dem Projekt \u201eTop-Arbeitgeber\u201c der WFG. Generell sollte unseren Innungsbetrieben noch bewusster werden, dass die WFG auch f\u00fcr sie einen Mehrwert darstellt und spannende Angebote macht, die f\u00fcr Handwerker interessant sind, auch wenn sie nicht als \u201eHandwerksangebote\u201c beworben werden. Und nat\u00fcrlich m\u00fcssen wir auch die vielf\u00e4ltigen Fortbildungsm\u00f6glichkeiten im Handwerk kommunizieren. Wer wei\u00df schon, dass eine Meisterin oder ein Meister auch ohne Abitur an jeder Universit\u00e4t studieren kann, und dass auch Gesellinnen und Gesellen mit Berufserfahrung an einer Fachhochschule ein Studium aufnehmen d\u00fcrfen? Auch Aufenthalte und Praktika im Ausland sind im Handwerk m\u00f6glich. Und wenn sich dann noch herumspricht, dass man im Handwerk gutes Geld verdienen kann, sind wir einen entscheidenden Schritt weiter. Ein Handwerker verdient im Leben 1,41 Millionen Euro und ein Akademiker 1,45 Millionen Euro, also nicht so viel mehr. Der Unterschied: Die Menschen im Handwerk haben das Geld dann, wenn sie eine Familie gr\u00fcnden oder eine Immobilie kaufen. Wenn der Akademiker sein erstes Gehalt auf dem Konto sieht, verdient der Handwerker schon zehn Jahre lang Geld.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><b>Jablonski:<\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial, serif;\"> Es muss sich in den K\u00f6pfen der Handwerksunternehmer etwas \u00e4ndern. An den Veranstaltungen in unserem \u201eForum Mittelstand\u201c steht nicht dran: \u201eF\u00fcr alle au\u00dfer Handwerker.\u201c Aber die Resonanz aus dem Handwerk ist gering. Wir h\u00f6ren dann, 18.00 Uhr ist zu fr\u00fch und ich habe so viel tun. Aber wenn mich das Thema interessiert und ich in Netzwerke rein will, <\/span><span style=\"color: #000000;\"><span style=\"font-family: Arial, serif;\">dann muss ich mir auch ein bisschen Zeit nehmen und die vielf\u00e4ltigen Angebote wahrnehmen.<\/span><\/span><span style=\"font-family: Arial, serif;\"> Au\u00dferdem muss ich mich da bewegen, wo junge Leute sind. Wir als WFG machen reihenweise Veranstaltungen, auch zusammen mit den Kommunen. Mein Appell ans Handwerk: Nehmt diese Angebote wahr, lasst euch beraten und macht es professionell. Und noch ein Aspekt: Wenn Betriebe um Fachkr\u00e4fte werben, dann sollten sie auch die Lebensqualit\u00e4t in unserer Region und die kurzen Anfahrtswege ins Schaufenster stellen. Ich glaube, hier hat das Handwerk mit seiner \u00f6rtlichen Verwurzelung einen weiteren Riesenvorteil. Nochmal: Wir beraten gerne \u2013 und gerne auch zusammen mit der Kreishandwerkerschaft \u2013, aber umsetzen m\u00fcssen die Betriebe das dann selbst.<\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Was m\u00fcsste aus Ihrer Sicht auf der politisch-gesellschaftlichen Ebene passieren, um die Folgen der Fachkr\u00e4ftekatastrophe zumindest zu mildern?<\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><b>Peters:<\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial, serif;\"> Nehmen wir als Beispiel die Berufsfelderkundungen in den Schulen. Warum geht man nicht hin und macht einen der drei Tage, die jeder Sch\u00fcler absolvieren muss, verpflichtend im Handwerksbereich? Ich glaube, durch das pers\u00f6nliche Kennenlernen eines Handwerksberufs erkennen manche, dass dieser Bereich auch etwas f\u00fcr sie sein k\u00f6nnte. Ein weiteres Stichwort ist die Meisterausbildung. Es ist l\u00f6blich, dass die neue NRW-Landesregierung eine Meisterpr\u00e4mie von 3.000 Euro einf\u00fchrt \u2013 aber ich m\u00f6chte, dass die Meisterausbildung genauso gehandhabt wird wie eine akademische Ausbildung, also kostenlos ist. Ein Meisterlehrgang kostet teilweise 13.000 Euro. Dieses Geld muss man erst mal aufbringen. Der Student studiert kostenlos.<\/span><\/p>\n<p><b><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Das Stichwort Unternehmensnachfolge ist vorhin schon gefallen. Eine Option f\u00fcr j\u00fcngere Handwerkerinnen und Handwerker?<\/span><\/b><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><b>Peters:<\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial, serif;\"> Absolut! In den n\u00e4chsten f\u00fcnf Jahren stehen rund 30 Prozent aller Handwerksbetriebe zur \u00dcbernahme bereit \u2013 oder sie schlie\u00dfen, weil sie keinen Nachfolger finden. Das ist eine Riesenchance f\u00fcr Fachleute aus dem Handwerk, mit \u00fcberschaubaren Finanzmitteln einen bestehenden und oft alteingesessenen Betrieb zu \u00fcbernehmen und sich so selbstst\u00e4ndig zu machen. Dennoch h\u00e4lt sich das Interesse oft in Grenzen. Vielleicht scheuen viele j\u00fcngere Menschen auch ein wenig die Verantwortung, die sie f\u00fcr sich, den Betrieb und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter \u00fcbernehmen m\u00fcssen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><b>Jablonski:<\/b><\/span><span style=\"font-family: Arial, serif;\"> Allerdings m\u00fcssen Betriebs\u00fcbernahmen von den Banken anders begleitet werden. Junge Menschen k\u00f6nnen die verlangten Sicherheiten oft nicht bringen. Da braucht es andere Finanzierungsmodelle, beispielsweise \u00fcber Fondsl\u00f6sungen im Handwerkerbereich. Es kann ja nicht sein, dass ich mein noch nicht vorhandenes Haus verpf\u00e4nden muss, um einen Betrieb zu \u00fcbernehmen. Auch hier ben\u00f6tigen wir ein anderes Denken als in der Vergangenheit.<\/span><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\"><b>Die Initiative Top-Arbeitgeber im Kreis Viersen<\/b><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: Arial, serif;\">Die Initiative \u201eTop-Arbeitgeber\u201c macht Arbeitgeber sichtbarer. Dies gelingt am besten \u00fcber eine \u00fcbersichtliche Karriereseite im Internet. Die Wirtschaftsf\u00f6rderungsgesellschaft f\u00fcr den Kreis Viersen unterst\u00fctzt Unternehmen dabei und gibt Tipps, wie sie sich attraktiv darstellen und Bewerberinnen und Bewerber von ihren Qualit\u00e4ten als Arbeitgeber \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Dabei geht es nicht nur darum, neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu gewinnen. Ziel ist auch, Fach- und F\u00fchrungskr\u00e4fte im Unternehmen zu halten. Weitere Informationen und Ansprechpersonen: <span style=\"color: #000000;\">Anke Erhardt, Tel. 02162 \/ 8179116, <a href=\"mailto:anke.erhardt@wfg-kreis-viersen.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">anke.erhardt@wfg-kreis-viersen.de<\/a><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Fachkr\u00e4ftemangel war gestern \u2013 inzwischen haben wir eine Fachkr\u00e4ftekatastrophe. Das sagen Dr. Thomas Jablonski, Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Wirtschaftsf\u00f6rderungsgesellschaft f\u00fcr den Kreis Viersen (WFG), und Marc Peters, Hauptgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Kreishandwerkerschaft Niederrhein, im Interview mit Roland Busch und Georg Maria Balsen. Was ist zu tun? Das vorherrschende Thema in vielen Handwerksbetrieben ist der Personalmangel. 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