Search
Generic filters
WFG Kreis Viersen » Viersens Gebäude im digitalen Kataster - Viersens Wärmebedarf: Was das LANUK-Modell aussagt

Viersens Gebäude im digitalen Kataster – Viersens Wärmebedarf: Was das LANUK-Modell aussagt

Öffentlich zugängliches Wissen über unseren Gebäudebestand: Das LANUK-Wärmekataster berechnet für jedes Gebäude in NRW, wie viel Energie es vermutlich zum Heizen und für Warmwasser braucht. Für Viersen: 44.005 beheizte Gebäude (ohne Industrie) mit individuellen Schätzwerten.

Auschnitt aus den Energieatlas NRW. Abgerufen am 29/05/2026 von https://www.energieatlas.nrw.de/

Das Wichtigste vorab:

  • Das Wärmekataster ist ein Modell, keine Messung. Pro Einzelgebäude sind Abweichungen von ±20 bis 30 % zu erwarten, auf Stadtebene gleichen sich viele Fehler aus.
  • 44.005 Gebäude (70 %) werden als beheizt eingestuft (ohne Industrie).
  • Wohngebäude verursachen rund 74 % des Wärmebedarfs (ohne Industrie).
  • Der mittlere spezifische Bedarf liegt bei 120 bis 150 kWh/m²·Jahr, das entspricht schlecht gedämmtem Altbaubestand.
  • Drei Szenarien zeigen: Je nach Sanierungstempo könnten 2045 noch 64 bis 76 % des heutigen Bedarfs anfallen.

Was ist das LANUK-Wärmekataster?

Das Wärmekataster NRW wurde 2024 vom Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz NRW (LANUK) veröffentlicht. Es berechnet für jedes Gebäude in NRW den jährlichen Wärmebedarf für Heizung und Warmwasser. Das Modell nutzt folgende Eingangsquellen:

Eingangsdaten Quelle
Gebäudegeometrie (3D) LoD2-Modell Geobasis NRW (Sommer 2022)
Gebäudefunktion, Grundriss ALKIS NRW (2022)
Gebäudetyp und Bauperiode IWU Gebäudetypologie (EPISCOPE/TABULA, 2015/2022)
Wohnfläche und Belegung Zensus 2022
Klimadaten (Heizgradtage) DWD-Referenzjahr 2022

Es entsteht ein typologisches Modell: Jedes Gebäude wird einer IWU-Typologieklasse (Gebäudetyp mal Bauperiode) zugeordnet, für die standardisierte Energiekennwerte bekannt sind. Diese werden mit der Gebäudefläche multipliziert.

Warum kritisch betrachten? Das Modell kennt weder den tatsächlichen Sanierungsstand noch die realen Heizgewohnheiten der Bewohner. Ein gut saniertes Altbaugebäude kann im Modell genauso aussehen wie ein unsaniertes der gleichen Typologieklasse. Das ist ein strukturelles Limit typologischer Ansätze.

Über diese Daten (LANUK-Wärmekataster)

Herausgeber LANUK NRW (Landesamt für Natur, Umwelt und Verbraucherschutz)
Veröffentlicht 2024
Modellbasis LoD2 Sommer 2022; ALKIS 2022; Zensus 2022
Lizenz Datenlizenz Deutschland Zero 2.0 (DL-DE/Zero-2-0)
Datentyp Modellierte Schätzung, keine Messdaten
Unsicherheit ±20 bis 30 % pro Einzelgebäude; auf Stadtebene geringer

Die IWU/TABULA-Gebäudetypologie: Das Rückgrat des Wärmemodells

Das zentrale methodische Problem bei der Schätzung von Wärmebedarfen ohne Einzelgebäudemessung löst die IWU Gebäudetypologie (Institut Wohnen und Umwelt, Darmstadt), entwickelt im europäischen TABULA/EPISCOPE-Projekt.

Das Prinzip: Gebäude werden nach zwei Dimensionen klassifiziert:

Dimension Klassen Logik
Gebäudetyp EFH, ZFH, KMFH, GMFH Bestimmt Kompaktheit und Wohnfläche/Außenfläche-Verhältnis
Bauperiode 9 Klassen (vor 1919 bis 2016+) Proxy für Dämmstandard und U-Werte der Außenbauteile

Für jede der 36 Typologieklassen (4 Typen mal 9 Perioden) sind standardisierte Heizwärmekennwerte in kWh/m²·Jahr dokumentiert, basierend auf umfangreichen Stichprobenerhebungen realer Gebäude durch IWU.

Der kritische Schritt: Baujahr-Projektion

Die Bauperiode kommt nicht aus dem ALKIS-Kataster, das enthält für Viersen kein einziges Baujahr (0 % im vollständigen NAS/XML). Stattdessen nutzt das LANUK-Modell die Zensus 2022-Baujahresverteilung als Rasterdaten (1 km²), die räumlich auf die einzelnen LoD2/ALKIS-Gebäude projiziert werden. Das bedeutet:

  • Gebäude im selben 1-km-Rasterfeld bekommen statistisch ein Baujahr zugewiesen.
  • Das ist ein Wahrscheinlichkeitsschätzwert, keine Messung.
  • Neue und renovierte Gebäude können falsch eingestuft werden.

Praktische Konsequenz: Ein perfekt saniertes Gebäude aus 1965 hat im Modell denselben typologischen Kennwert wie sein unsaniertes Nachbarhaus aus dem gleichen Jahr. Dieser strukturelle Blindspot ist unvermeidbar, solange kein digitaler Sanierungsnachweis existiert. Trotz dieser Einschränkung ist der Typologieansatz für städtische Gesamtbilanzen gut belegt: Auf Quartiersebene gleichen sich individuelle Fehler weitgehend aus.

Was das Wärmekataster enthält

Spalte Bedeutung
RW Raumwärme (Heizung), kWh/Jahr
WW Warmwasser, kWh/Jahr
Sum_Ist Gesamtwärmebedarf heute (RW + WW + Prozesswärme), kWh/Jahr
beheizt Ist das Gebäude als beheizt eingestuft? (1=ja, 0=nein)
Sektor PHH (Wohngebäude), GHD (Gewerbe), IND (Industrie), ÖFF (öffentlich)

Außerdem Szenariospalten für 2025 bis 2045 unter drei Sanierungsannahmen: moderat (langsam), erhöht (beschleunigt), hoch (ambitioniert).


Bild 1: Wer verbraucht die meiste modellierte Wärme?

Das Bild zeigt die Aufteilung des Gesamtwärmebedarfs auf drei Sektoren: Wohngebäude (PHH), Gewerbe (GHD), öffentliche Gebäude (ÖFF). Hinweis: Der Industriesektor (IND, 2.356 Gebäude) wird hier ausgelassen, die Datenlage muss noch von mir geprüft werden.

Gesamtstatistik (Viersen):
Erfasste Gebäude: 62.814
Beheizte Gebäude: 44.005 (70,1 %)
Unbeheizt/Nebengebäude: 18.809 (29,9 %)

Gesamtwärmebedarf (beheizte Gebäude, in GWh/a):
Raumwärme: 809,3 GWh/a
Warmwasser: 84,8 GWh/a
Prozesswärme: 9,9 GWh/a
Gesamt: 903,9 GWh/a

Was das Bild zeigt:
Nach dem Modell verursachen Wohngebäude rund 74 % des städtischen Wärmebedarfs (Wohnen + Gewerbe + Öffentlich, ohne Industrie). Gewerbe folgt mit rund 17 %, öffentliche Gebäude mit rund 9 %.
Die Wohngebäude-Dominanz liegt an der hohen Zahl an Einfamilienhäusern in Viersen, viele davon aus den 1950er bis 1970er Jahren mit schlechter Dämmung.

Einschränkung: Diese Zahlen gelten für den modellierten Bedarf, nicht den tatsächlichen Verbrauch. Reale Heizdaten der Netzbetreiber (gas- und fernwärmeseitig) wären für eine Validierung wertvoll, sind aber öffentlich nicht zugänglich.


Bild 2: Welche Gebäude verbrauchen am meisten pro Quadratmeter?

Der spezifische Wärmebedarf (kWh/m²·Jahr) zeigt, wie energiehungrig ein Gebäude im Verhältnis zu seiner Fläche ist. Das Bild vergleicht die wichtigsten Nutzungsarten.

Mittlerer Raumwärmebedarf (Median) nach Nutzungsklasse:
Wohnhaus: 138,3 kWh/m²·a
Gemischt genutztes Gebäude mit Wohnen: 129,1 kWh/m²·a
Gebäude für Handel und Dienstleistungen: 166,5 kWh/m²·a
Allgemein bildende Schule: 154,4 kWh/m²·a
Heilanstalt, Pflegeanstalt: 163,9 kWh/m²·a

Was das Bild zeigt:
Der modellierte Median für beheizte Wohngebäude liegt bei 120 bis 150 kWh/m²·Jahr. Zum Vergleich:

Standard kWh/m²·Jahr
Passivhaus 15
KfW-Effizienzhaus 55 ~55
Durchschnitt Viersen (Modell) 120 bis 150
Unsaniertes Vorkriegsgebäude bis 300

Die breite Streuung bei Wohngebäuden ist erwartbar: Neubauten aus 2010 und unsanierte Gründerzeitgebäude aus 1900 stehen nebeneinander.

Achtung: Öffentliche Gebäude und Gewerbebauten zeigen im Modell oft höhere Werte. Das liegt teilweise an echten Ineffizienzen, aber auch daran, dass das Typologiemodell für Nichtwohngebäude weniger gut kalibriert ist als für Wohngebäude.


Bild 3: Wo in Viersen wird am meisten geheizt?

Die Karte zeigt den modellierten Wärmebedarf pro Gebäude auf einer logarithmischen Farbskala, je heller, desto mehr Wärmebedarf.


Drei räumliche Muster:

  • Innenstadt (Viersen Stadtmitte): Dichte Bebauung, mittelhohe Einzelbedarfe, viele Gebäude auf engem Raum.
  • Industriegebiete (Osten): Wenige, aber sehr energieintensive Einzelobjekte, große Bedarfe pro Gebäude (über 300.000 kWh/Jahr).
  • Wohnvororte (Süchteln, Dülken): Lockere Einfamilienhausbebauung mit moderatem Einzelbedarf.

Diese räumliche Verteilung hat Konsequenzen für die Wärmeplanung: Die dichte Innenstadt hat theoretisch ausreichend Wärmedichte für ein Fernwärmenetz; die Vororte sind besser für dezentrale Wärmepumpen geeignet.

Einschränkung: Die Karte zeigt modellierte Werte, keine gemessenen. Ob die Wärmedichte in der Innenstadt wirklich für ein Netz ausreicht, müsste durch tatsächliche Verbrauchsdaten der Netzbetreiber bestätigt werden.


Bild 4: Wie entwickelt sich der modellierte Wärmebedarf bis 2045?

Das Modell rechnet drei Szenarien: moderat, erhöht, hoch. Das Bild zeigt die Gesamtentwicklung des städtischen Wärmebedarfs bis 2045.

Szenario Wärmebedarf 2045 (vs. heute)
Moderat ~76 % (langsame Sanierungen, wenig Veränderung)
Erhöht ~70 % (deutliche Verbesserung)
Hoch ~64 % (tiefgreifende Sanierung, viele Wärmepumpen)

Bis 2040 beträgt der Unterschied zwischen moderat und hoch rund 90 GWh/Jahr.

Wichtige Einschränkung: Die Szenarien sind keine Vorhersagen, sondern Modellrechnungen unter bestimmten Annahmen über Renovierungsquoten. Diese werden für ganz NRW einheitlich angesetzt, lokale Besonderheiten Viersens (aktive Sanierungsberatung, lokale Förderung) sind nicht eingerechnet.


Bild 5: Zusammenhang zwischen Wandfläche und modelliertem Wärmebedarf

Die LoD2-Wandfläche ist ein zentraler Eingabewert für das Wärmemodell. Das Bild zeigt, wie eng der Zusammenhang zwischen Wandfläche und modelliertem Wärmebedarf bei Wohngebäuden ist.


Der Zusammenhang ist mit r ≈ 0,67 (log-log) statistisch deutlich erkennbar, größere Wandflächen gehen mit höherem Wärmebedarf einher. Das Modell verwendet die Wandfläche als Eingabe, daher bildet der Plot vor allem das Modellverhalten ab, nicht unmittelbar die physikalische Realität.

Interessant: Größere Gebäude haben einen etwas niedrigeren spezifischen Bedarf (kWh/m²). Das liegt an der besseren Kompaktheit großer Mehrfamilienhäuser, sie haben im Verhältnis zur Wohnfläche weniger Außenfläche.


Kritische Einschätzung

Stärken des Modells Einschränkungen
Gebäudescharf, alle 62.814 Gebäude (44.005 beheizt, ohne Industrie) Modelliert, nicht gemessen (±20 bis 30 % Unsicherheit pro Gebäude)
Drei Szenarien für Wärmeplanung Szenarien mit NRW-weiten Parametern, keine Ortskenntnis
LoD2-Geometrie als präziser Input LoD2-Vintage Sommer 2022 (Neubauten fehlen)
Basis für kommunale Wärmeplanung (WPG) Kein tatsächlicher Sanierungsstand erfasst
Kostenlos, Open Data (DL-DE/Zero-2-0) Nichtwohngebäude über Proxy-Quellen schlechter kalibriert

Was „Modell“ hier wirklich bedeutet:
Das LANUK-Wärmekataster schätzt den Wärmebedarf, es misst ihn nicht. Der tatsächliche Erdgasverbrauch eines Gebäudes kann doppelt so hoch oder halb so hoch sein wie der Modellwert, ohne dass das ein Fehler des Modells wäre: Heizgewohnheiten, Leerstand, Sanierungsmaßnahmen nach 2022 und individuelles Nutzerverhalten sind im Modell nicht enthalten.

Wofür das Modell trotzdem gut ist:
Für räumliche Muster (Wo gibt es hohe Wärmedichte?), für Sektorvergleiche (Wohngebäude vs. Gewerbe) und für Szenarien auf Gesamtstadtebene sind die Daten aussagekräftig. Auf Quartiersebene gleichen sich Einzelfehler weitgehend aus (je kleiner die Analyseeinheit, desto größer die Unsicherheit).

Validierung: Eine direkte Validierung gegen Gasnetz- oder Fernwärmedaten wäre ideal, ist aber öffentlich nicht möglich. Der Zensus 2022 (Beitrag 4) zeigt zumindest, dass Rasterzellen mit hohem Gasanteil auch hohe LANUK-Bedarfsdichten haben, ein konsistentes, wenn auch kein vollständiges Qualitätssignal.


Fazit

Das LANUK-Wärmekataster ist der erste Datensatz in dieser Reihe, der nicht beschreibt was es gibt, sondern wie viel Energie es verbraucht. 44.005 beheizte Gebäude (ohne Industrie) mit geschätztem Jahreswärmebedarf, auf Gebäudeebene, für ganz Viersen, öffentlich verfügbar.

Dass diese Schätzungen mit ±20 bis 30 % Unsicherheit pro Einzelgebäude behaftet sind, liegt nicht an Nachlässigkeit. Es ist das strukturelle Limit typologischer Modellierung: Ohne den tatsächlichen Sanierungsstand zu kennen, ist keine präzisere Aussage möglich. Ein Altbau aus 1965 sieht im Modell gleich aus, egal ob er vollständig saniert wurde oder nicht, weil das ALKIS-Kataster diesen Unterschied nicht erfasst und kein anderer öffentlicher Datensatz ihn kennt.

Für kommunale Wärmeplanung ist das ausreichend. Räumliche Muster, Sektoranteile und Szenarienvergleiche auf Quartiersebene sind mit diesem Modell möglich. Wo es nicht ausreicht (Einzelgebäude-Beratung, konkrete Netzdimensionierung), braucht es entweder echte Verbrauchsdaten der Netzbetreiber oder Vor-Ort-Begehungen. Beides ist öffentlich nicht zugänglich.

Im nächsten Beitrag: Der Zensus 2022, die einzige wirklich unabhängige Quelle dieser Reihe, die nach Heizungsart, Baujahr und Leerstand direkt bei den Eigentümern gefragt hat.


Quellen

  1. LANUK NRW (2024). Wärmekataster NRW. Datenlizenz Deutschland Zero 2.0. energieatlas.nrw.de
  2. Geobasis NRW (2023). 3D-Gebäudemodell LoD2 NRW. Datenlizenz Deutschland Zero 2.0.
  3. Loga, T. et al. (2015). Deutsche Gebäudetypologie (EPISCOPE/TABULA). IWU Darmstadt.
  4. Statistisches Bundesamt (2022). Zensus 2022 – Gebäude- und Wohnungszählung. DL-DE/BY-2.0. zensus2022.de
  5. Bundesregierung (2023). Gesetz für die Wärmeplanung und zur Dekarbonisierung der Wärmenetze (WPG). BGBl. I 2023 Nr. 284.