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Viersens Gebäude im digitalen Kataster – Wie heizt Viersen? Der Zensus 2022 gibt Auskunft

Öffetnlich zugängliches Wissen über unseren Gebäudebestand – Im Mai 2022 befragte Deutschland erstmals alle Gebäudeeigentümer nach dem Heizungstyp. Das Ergebnis für Viersen: Erdgas dominiert, fast die Hälfte der Gebäude ist Altbau, und Wärmepumpen sind bereits im einstelligen Prozentbereich angekommen.

Der Zensus wurde 2022 durchgeführt und gibt Auskunft über diverse Informationen in ganz Deutschland. Foto von Claudio Schwarz auf Unsplash

Das Wichtigste vorab:

  • Erdgas ist Heizstoff Nr. 1 in Viersen: ca. 65 % der Wohngebäude.
  • Heizöl auf Platz 2: ca. 15 bis 20 %.
  • Wärmepumpen und Solar: bereits ca. 5 bis 10 % (Tendenz seitdem steigend).
  • Fast die Hälfte aller Gebäude wurde vor 1979 gebaut (schlechteste Dämmung).
  • Einfamilienhäuser dominieren: ca. 60 % der Wohngebäude.
  • Leerstand: im Median 3 bis 5 %, mit strukturellen Leerständen in der Peripherie.
  • Wichtig: Es handelt sich um Selbstauskünfte der Eigentümer zum Stichtag 15. Mai 2022 (Zahlen können inzwischen leicht abweichen).

Was ist der Zensus 2022?

Der Zensus 2022 ist Deutschlands umfassendste Gebäude- und Wohnungszählung seit 2011, durchgeführt mit Stichtag 15. Mai 2022. Rund 23 Millionen Gebäudeeigentümer wurden befragt, wobei 82 % freiwillig online antworteten.

Neu im Vergleich zu 2011: Erstmals wurde flächendeckend nach dem Hauptenergieträger der Heizung, nach Mietpreisen und nach dem Leerstandsstatus gefragt. Diese Daten gibt es sonst nirgends in dieser Vollständigkeit für ganz Deutschland.

Wie werden die Daten bereitgestellt?

Die Ergebnisse sind als Rasterdaten verfügbar, aufgeteilt in Quadraten von 100 m, 1 km oder 10 km Kantenlänge. Für Viersen arbeiten wir mit dem 1-km-Raster (groß genug für den Datenschutz, klein genug für sinnvolle Stadtanalysen).

Datenschutz (Cell-Key-Methode): Zellen mit weniger als 3 Gebäuden werden statistisch verfremdet oder unterdrückt. Das betrifft vor allem dünn besiedelte Randbereiche Viersens. Statt exakter Zahlen erscheint dann ein Strich „-„.

Herausgeber Statistisches Bundesamt (Destatis) / IT.NRW
Stichtag 15. Mai 2022
Erhebungsform Pflichtbefragung aller Gebäudeeigentümer (Selbstauskunft)
Lizenz DL-DE/BY-2.0 (Namensnennung: Statistisches Bundesamt, Zensus 2022)
Einschränkung Keine Gebäude-ID vorhanden (nur räumliche Zuordnung über Rasterzelle möglich)

Der Zensus im Datennetz: Warum er als einzige unabhängige Quelle zählt

Alle anderen Quellen dieser Beitragsreihe (ALKIS, LoD2 und LANUK) sind miteinander verknüpft: LoD2 leitet sich aus ALKIS ab, LANUK baut auf LoD2 und ALKIS auf. Der Zensus 2022 dagegen ist wirklich unabhängig: Er beruht auf Eigentümeraussagen, nicht auf amtlichen Geometriedaten.

Das macht ihn zur einzigen Quelle, die Lücken füllen kann, die alle anderen gemeinsam haben:

Datenlücke ALKIS LoD2 LANUK Zensus 2022
Baujahr Fehlt (0 % in Viersen) Fehlt Abgeleitet aus Zensus Vorhanden (86,5 % Abdeckung)
Energieträger der Heizung Fehlt Fehlt Modellparameter Vorhanden (Direkt erhoben)
Heizungsart (Zentral/Etagen) Fehlt Fehlt Fehlt Vorhanden (Direkt erhoben)
Leerstand Fehlt Fehlt Fehlt Vorhanden (Erstmals differenziert)
Eigentümerstruktur Teilweise (Nicht als Open Data) Fehlt Fehlt Vorhanden (Eigentümerquote)

Baujahr als Schlüsselgröße: Das ALKIS-Kataster für Viersen enthält kein einziges Baujahr (0 % im vollständigen NAS/XML mit 251.877 Gebäudeobjekten, siehe Beitrag 1). OSM-Daten liefern lediglich ca. 0,5 %, meist als ungenaue Jahrhundertangabe (C18, spätes 19. Jh.).

Der Zensus 2022 ist damit die einzige belastbare statistische Grundlage für die Baujahresverteilung (und damit für das Dämmniveau) des Viersener Bestands. Das LANUK-Wärmekataster (Beitrag 3) nutzt genau diese Zensus-Daten: Die Baujahresverteilung aus dem 1-km-Raster wird räumlich auf ALKIS/LoD2-Gebäude projiziert, um die IWU/TABULA-Typologieklasse zu schätzen. Der Zensus ist also nicht nur eine zusätzliche Informationsquelle, er ist ein strukturelles Fundament des gesamten Wärmebedarfsmodells.

Kritische Einordnung der Zensus-Daten

Der Zensus ist die einzige offizielle Quelle für Heizungsarten und Baujahr auf gesamtstädtischer Ebene, was ihn unersetzlich macht. Aber:

  • Selbstauskunft: Eigentümer können das Baujahr falsch erinnern oder die Heizungsart ungenau angeben. Destatis schätzt 5 bis 10 % Klassifikationsfehler für Energieträgerdaten.
  • Stichtag: Der 15. Mai 2022 liegt vor dem Wärmepumpen-Boom 2023 (ausgelöst durch hohe Gaspreise und BAFA-Förderung). Der aktuelle Wärmepumpenanteil ist vermutlich 3 bis 5 Prozentpunkte höher.
  • Keine Gebäude-ID: Die Daten lassen sich nicht direkt mit ALKIS oder LANUK verknüpfen (nur über räumliche Überschneidung, sogenannte Spatialjoins).
  • Nur Wohngebäude: Gewerbe- und Industriegebäude wurden im Gebäude- und Wohnungszählungs-Teil (GWZ) nicht erfasst.

Bild 1: Welche Wohngebäudetypen gibt es in Viersen?

Der Zensus unterscheidet nach Anzahl der Wohneinheiten pro Gebäude. Das Bild zeigt die Verteilung im Untersuchungsgebiet des 1-km-Rasters.

Gebäudetypen im Untersuchungsgebiet (Rasterauswertung):
Einfamilienhaus (1 WE): 315.198
Zweifamilienhaus (2 WE): 52.257
Mehrfamilienhaus (3-6 WE): 80.559
Mehrfamilienhaus (7-12 WE): 32.798
Mehrfamilienhaus (ab 13 WE): 7.000

Einfamilienhäuser (1 Wohneinheit) machen 55 bis 65 % aller Wohngebäude aus (ein typisch westdeutsches Muster). Zweifamilienhäuser folgen mit 15 bis 20 %. Mehrfamilienhäuser (ab 3 Einheiten) stellen nur 20 bis 25 % der Gebäude, beherbergen aber einen deutlich größeren Anteil der Wohnfläche und Bewohner.

Warum relevant für die Wärmewende?
Einfamilienhäuser haben im Vergleich zu Mehrfamilienhäusern gleichen Alters typischerweise mehr Außenwand pro Wohnfläche (höherer Wärmeverlust). Eine Sanierungsstrategie, die Einfamilienhäuser priorisiert, hat den größten Hebel für den städtischen Gesamtbedarf.


Bild 2: Womit wird geheizt?

Der Zensus 2022 hat erstmals flächendeckend den Hauptenergieträger für die Heizung jedes Wohngebäudes erhoben. Das Bild zeigt die Verteilung (Stichtag: Mai 2022).

Heizungs-Energieträger im Rastergebiet

 

Energieträger-Verteilung (Mai 2022):
Gas (Erdgas): 67,3 %
Fernwärme: 14,1 %
Heizöl: 12,3 %
Solar / WP / Geothermie: 2,5 %
Strom (direkt): 2,5 %
Holz / Pellets: 0,8 %

Zusammen kommen fossile Brennstoffe (Gas und Öl) auf rund 80 % der Wohngebäude. Das ist der politische Ausgangspunkt der Wärmewende: Fast alle diese Systeme müssen bis 2045 auf klimaneutrale Alternativen umgestellt werden.

Einschränkung Selbstauskunft: Eigentümer, die mehrere Wärmequellen nutzen (z. B. Gas-Zentralheizung gekoppelt mit Solarthermie), geben oft nur eine an. Der tatsächliche Anteil erneuerbarer Energien am Wärmesystem könnte etwas höher liegen.


Bild 3: Wann wurden Viersens Gebäude gebaut?

Das Baujahr ist der wichtigste Proxy für das Dämmniveau eines Gebäudes und die am schwersten zu beschaffende Information im deutschen Gebäudebestand. Im ALKIS-Kataster ist das Baujahr für Viersen vollständig leer. OSM-Crowdsourcing liefert lediglich ca. 0,5 %, meist nur als grobe Jahrhundertangabe wie „spätes 19. Jh.“ (keine Grundlage für Energieanalysen).

Der Zensus 2022 füllt diese Lücke: Mit 86,5 % Abdeckung bei beheizten Wohngebäuden liefert er die einzige flächendeckende Baujahresstatistik für Viersen. Das Bild kategorisiert die Gebäude nach energiepolitischen Epochen, die direkt mit den historischen Wärmeschutzanforderungen verknüpft sind.

Die Verteilung der Baujahre in Kreis Viersen nach Zensus 2022.

Baujahresstatistik (Auswertung):
Gebäude aus der Zeit vor 1979 machen insgesamt 64,8 % des Bestands aus. Sie wurden errichtet, bevor die 1. Wärmeschutzverordnung in Kraft trat.

Das Bild ist nach energiepolitischen Epochen eingefärbt:

  • Rot (vor 1979): Vor der ersten Wärmeschutzverordnung (WSchV 1977/1982), meist ohne oder mit minimaler Dämmung.
  • Orange (1979 bis 2002): Erste Mindestdämmstandards (deutlich besser, aber noch weit von heute entfernt).
  • Grün (ab 2002): Unter der Energieeinsparverordnung (EnEV) gebaut (deutlich effizienter).

Konsequenz: Fast die Hälfte des Viersener Wohngebäudebestands trägt das schlechteste Dämmstandard-Niveau. Hier liegt das größte Einsparpotenzial und der größte Sanierungsrückstand.


Bild 4: Wie wird geheizt und wie viele Wohnungen stehen leer?

Neben dem Was zeigt der Zensus auch das Wie (Zentralheizung, Etagenheizung, Einzelofen) und ob Wohnungen leer stehen.

Heizungsart und Leerstandsquote

Leerstand im Untersuchungsgebiet:
Leerstandsquote gesamt (Median): 3,26 %
Marktaktiver Leerstand (Median): 1,34 %

Was das Bild zeigt:

  • Heizungstyp: Zentralheizung ist Standard, sie versorgt mit über 70 % den Großteil der Wohngebäude. Das passt zum hohen Gasanteil: Ein Gaskessel treibt typischerweise eine Zentralheizung an. Einzel- und Etagenöfen sind eine Restgröße vor allem in Altbauten.
  • Leerstand: Der mittlere Leerstand liegt bei rund 3 bis 5 %. In einzelnen peripheren Rasterzellen steigt er auf 15 bis 25 %. Rund 40 bis 50 % des Leerstands gilt als strukturell (dauerhaft leer, vermutlich nicht mehr aktiv vermarktet).

Einschränkung: Der Zensus unterscheidet marktaktiven von strukturellem Leerstand erstmals 2022. Die Zahlen beruhen auf Eigentümeraussagen und sind mit entsprechender Vorsicht zu interpretieren.



Bild 5: Mieten, Wohnungsgröße und Eigentümerquote

Der Zensus 2022 hat erstmals auch Mietpreise, Wohnungsgrößen und Eigentümerquoten flächendeckend erhoben (als Rasterauswertung).

Vergleich der Verteilung von Wohnungsindikatoren nach dem Zensus 2022.

Wohnungsmarktindikatoren (Mediane):
Nettokaltmiete: 6,37 €/m²
Wohnfläche je Wohnung: 113,6 m²
Eigentümerquote: 60,6 %

Was das Bild zeigt:

  • Mieten: Median bei ca. 6,40 €/m² (moderat für NRW, deutlich unter Großstadtniveau, zum Vergleich: Düsseldorf liegt oft bei 12 bis 15 €/m²).
  • Wohnungsgröße: Typisch 85 bis 100 m² (groß im Vergleich zu städtischen Durchschnittswohnungen, was zur Einfamilienhausdominanz passt).
  • Eigentümerquote: Über 50 % in suburbanenen Zellen (für die Sanierungspolitik wichtig: Eigentümer investieren häufiger als Vermieter).

Einschränkung: Mietpreise sind Nettokaltmieten aus Eigentümeraussagen (keine Marktanalyse). Vakante Wohnungen, Eigennutzung und informelle Verhältnisse können systematisch unter- oder überschätzt sein.


Kritische Einschätzung

Stärken der Daten Einschränkungen
Einzige offizielle Quelle für Heizungsarten Selbstauskunft (5 bis 10 % Klassifikationsfehler)
Einzige flächendeckende Baujahr-Statistik Nur Rasterdaten, keine Gebäude-ID vorhanden
Leerstand erstmals differenziert erfasst (marktaktiv / strukturell) Stichtag Mai 2022 (Wärmepumpen-Boom ab 2023 fehlt)
Mietpreise und Eigentümerquote erstmals flächendeckend Nur Wohngebäude (Gewerbe/Industrie nicht erfasst)
Offizielle statistische Validierung, deutschlandweit vergleichbar Verfremdung in dünn besiedelten Zellen aus Datenschutzgründen

Selbstauskunft – was das bedeutet:
Die Eigentümerantworten wurden nicht nachgeprüft. Wer das Baujahr seines Gebäudes nicht kennt, schätzt oft (Schätzungen tendieren zu runden Zahlen wie 1960, 1970, 1980). Destatis schätzt 5 bis 10 % Klassifikationsfehler bei Energieträgern. Trotzdem ist die Selbstauskunft von 82 % aller Gebäudeeigentümer ein robustes statistisches Signal, eine vollständige Direkterhebung wäre weder logistisch noch datenschutzrechtlich möglich.

Was der Stichtag bedeutet:
Der 15. Mai 2022 liegt vor dem Wärmepumpen-Boom 2023/2024. Nach hohen Gaspreisen und BAFA-Förderanpassungen wurden in Deutschland 2023 rund 356.000 Wärmepumpen installiert. Für Viersen bedeutet das: Der tatsächliche Wärmepumpenanteil liegt heute wahrscheinlich 3 bis 5 Prozentpunkte über dem Zensus-Wert. Wer aktuelle Zahlen zur Dekarbonisierung des Wärmesystems benötigt, sollte diese Verschiebung einkalkulieren.

Für Planungszwecke liefert der Zensus trotz Einschränkungen das belastbarste öffentlich verfügbare Gesamtbild. Für Einzelgebäude-Entscheidungen ist er zu unscharf, aber für die kommunale Wärmeplanung auf Quartiersebene und die Kalibrierung von Modellen wie dem LANUK-Wärmekataster (Beitrag 3) ist er unverzichtbar.


Fazit

Der Zensus 2022 bringt etwas mit, das ALKIS, LoD2 und LANUK trotz aller technischen Präzision nicht haben: eine unabhängige Perspektive. Eigentümer wurden direkt befragt (nicht aus einem Laserscan abgeleitet, nicht durch ein Typologiemodell approximiert).

Das Ergebnis für Viersen ist eindeutig. Rund 80 % der Wohngebäude heizen fossil, fast die Hälfte wurde gebaut, bevor es verbindliche Wärmeschutzanforderungen gab. Das ist kein Randphänomen, es ist das Kernproblem der Wärmewende in einer typisch westdeutschen Mittelstadt. Gleichzeitig zeigt der Zensus, dass Wärmepumpen schon vor dem Boom von 2023 Fuß gefasst hatten und die Eigentümerquote in vielen Quartieren eigentumsbasierte Sanierungsstrategien erlaubt.

Was der Zensus nicht kann, ist gebäudegenau arbeiten. Er kennt keine ALKIS-IDs, liefert keine Grundstücksgeometrien und sagt nichts darüber, welches konkrete Haus besonders dringend saniert werden müsste. Das ist das Spannungsfeld zwischen statistischer Vollständigkeit und praktischer Einsatzbarkeit (eine Spannung, die sich erst in Beitrag 5 auflöst, wenn alle Quellen gemeinsam betrachtet werden).


Quellen

  1. Statistisches Bundesamt (Destatis, 2022). Zensus 2022 – Gebäude- und Wohnungszählung. Datenlizenz DL-DE/BY-2.0. zensus2022.de
  2. Statistisches Bundesamt (2024). Technische Dokumentation: Gitterbasierte Auswertungen Zensus 2022 (Cell-Key-Methode). Destatis.
  3. IT.NRW (2023). Zensus 2022: Ergebnisse für Nordrhein-Westfalen. Landesdatenbank NRW.
  4. Bundesregierung (2023). Gesetz für die Wärmeplanung und zur Dekarbonisierung der Wärmenetze (WPG). BGBl. I 2023 Nr. 284.
  5. BAFA (2023). Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) – Statistik 2022/2023. Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle.